why

Why the hell?

Wie um alles in der Welt kommt man bloß dazu, nach über 10 Jahren Arzt- und Forscherdasein komplett umzuschwenken, den Arztberuf an den Nagel zu hängen, um Webentwicklerin zu werden?

Das werde ich, seit ich genau das gemacht habe, ziemlich häufig gefragt. Jedesmal fällt es mir schwer mich knapp zu halten. Es gibt nur die extended version. Im September 2016 hatte ich das Vergnügen diese bei der DevDay Konferenz in Krakau zu erzählen – mit schrecklich aufgeregtem Tremolo in der Stimme, das ich leider erst nach der Hälfte der 30 min halbwegs los werde. Dafür mit vielen Gifs.

Wer lieber liest, macht hier weiter:

Arzt werden

Warum ich Medizin studiert habe weiß ich gar nicht. Aus Verlegenheit Ich wollte eigentlich „was mit Kunst“ machen. Heute wäre es „was mit Medien“. Als die Entscheidung anstand war ich noch viel zu jung, unfertig, unsicher und der festen Überzeugung, ich müsste sowas von irre viel kreativer sein, um einen kreativen Weg zu gehen. Ich bin allerdings eher der Typ Malen-nach-Zahlen, hatte schon immer Gefallen an schönen Dingen, hab wohl ein Auge, aber eben kein eigenes Händchen für gutes Design.

Paradiesisch für mich ist, nicht selbst gestalten müssen, sondern – egal in welchem Medium, Zeichnen, Malerei, Möbel, Grafik, Webdesign – einen guten Entwurf zu bekommen und diesen technisch umsetzen zu dürfen. Genau das ist jetzt meine Arbeitswelt, jeden Tag.

Mit 18, 19 war ich zu unsicher mir das eingestehen zu können. Wie uncool, nur das ausführende Organ zu sein, anstatt die Künstlerin. Naturwissenschaftliche Themen waren auch spannend, Medizin ist ein ziemlich eindeutiger Deal: Klarer Job am Ende, klarer Sinn, klarer Weg, keine Rechtfertigungen, kein Kreativitätsdruck. Also fiel die Wahl eben darauf. Zack.

Ich hab gerne Medizin studiert, bin dankbar für alles, was ich deshalb jetzt weiß. Im Beruf, oder genauer, in der Patientenversorgung, vor allem als total unerfahrene Anfängerin war dann allerdings der Verantwortungsdruck zu hoch für mich.

Dann eben Forschung

Einfacher, steuerbarer, weniger belastend, vor allem aber sehr spannend. Forschungswelt. In die rutschte ich nach 2-3 Jahren Klinik. Da gab es plötzlich tolle Themen, Neuropsychologie, Kognitionsforschung, ich forschte in Teams zu Epilepsien, Schlaf, Synaesthsie und war plötzlich Neurowissenschaftlerin.

Die Teams deren Teil ich in München, Boston, Genf, zuletzt in Frankfurt war, waren toll. Ich möchte davon nichts missen, kein Jahr. Ich war gern ein Rädchen in jeder dieser Forschungsgruppen. Publikationen sind ne Menge draus geworden. Es hätte ein akademischer Weg werden können, aber, dekandenterweise, wollte ich auch das nicht.

And programming it was

Beim Forschen sah ich den Geeks über die Schultern, die die Daten in null-komma-nix analysiert hatten, virtuos mit allen Fragen spielen konnten, weil sie ihre tollen MatLab-Skripte basteln konnten. Ich wollte das auch können, fand die Logik in der Programmierung faszinierend, die Macht die darin lag beeindruckend und suchte nach MatLab Kusen. An einem Nachmittag als 2 Sprechstundenpatienten ausfielen, suchte ich nach solchen Programmierkursen. Anstatt aber auf MatLab stieß ich dann auf HTML und CSS Kurse und fing an zu spielen.

Web

Und spielte und spielte und spielte und wurde immer begeisterter und steckte immer mehr Zeit rein. Eine derartig intensive Begeisterung hatte ich lange für nichts mehr. MatLab ließ ich sein, machte dafür seriösere Web-Codingkurse, lernte Template Anpassung für verschiedene Content Management Systeme, kapierte wie dynamische Webseiten funktionieren, ein bisschen PHP, fing an mit JavaScript zu spielen und setzte ein paar kleine Webauftritte für Freunde und Bekannte um.

Dabei merkte ich, wie viel Spass mir das macht. Ich traute dem ganzen lange nicht, dachte lange, wie alle, „ja, ja, das ist jetzt halt mal ein Spleen, das flacht sicher bald wieder ab“. Aber das tat es nicht. Die Begeisterung hielt und sie hält noch immer. Jetzt stelle ich sie nicht mehr in Frage.

Absprung

In der Forschung lag schon auch Begeisterung für mich. Viel sogar. Das war auch ein Dilemma, aber die Begeisterung erreichte nie die Dimension, die ich mit dem Coden später erlebte. Außerdem gab und gibt es in der Forschungswelt keine – für mich – attraktive Zukunftsperspektive.

Ich hätte noch viel Weg vor mir gehabt, mit klinischen Jahren, um Facharzt zu werden. Nach Jahren draußen, fast ohne Patientenkontakt, keine echte Arzterfahrung. Niederlassung? Kliniksjob? Nö. Das war klar, das ging nicht mehr.

Nur forschen? Mich habilitieren? Ein Job an der Uni? Mmh. naah. Auch das nicht. Das politische Geschachere, nie zu wissen wie lange die Grants wieder halten. Druck. hierarchische Strukturen, viel heiße Luft. Die Option für immer als PostDoc in netten Arbeitsgruppen weiter zu machen, gibt es schlicht weg nicht.

Vielleicht macht das ein bisschen klar, daß es so furchtbar viel Mut zu diesem Sprung vom Arzt zum Coder gar nicht brauchte.  2013 reduzierte ich den Medizinerjob auf 50%, lernte in der anderen Hälfte der Zeit weiter, ackerte ein Tutorial nach dem anderen durch, lernte durch Zufall die Rails Girls kennen und durch sie, daß ich nicht die einzige Frau bin, die sich für Webentwicklung begeistern kann.

Zusammen mit Silvia Hundegger habe ich 2013 selbst einen Rails Girls Workshop in Frankfurt organisiert, 2014 einen zweiten, eben grade den dritten. Seit Mitte 2014 bin ich Teil der Techettes, einer Gruppe von Tech-Begeisterten Frauen die regelmäßig Veranstaltungen zu Tech Themen für Frauen im Rhein-Main-Raum organisiert.

Dadurch habe ich im Laufe der letzten 2-3 Jahre viele tolle Menschen in der Tech-Szene kennen gelernt. Die für meinen Weg entscheidende Begegnung war dabei die mit Benjamin. Der fand das „irgendwie cool“ was ich mache und fragte, ob ich mir nicht vorstellen könnte als Frontendentwicklerin angestellt zu arbeiten.

Und dann kam vaamo

Inzwischen bin ich genau das, Frontendentwicklerin in einem tollen Team bei vaamo. Benjamin ist unser fantastischer CTO, die Begeisterung für den Job lässt nicht nach, im Gegenteil.
Spät aber glücklich bin ich jetzt beruflich genau da, wo ich sein will.

Warum erst so spät?

Ganz einfach: Ich bin kein Digital Native. Ich bin Jahrgang 1975. In meinem Elternhaus gibt es noch heute keinen Computer. Wir hatten keinen C64, meine Geschwister waren so wenig Gamer wie ich. Als ich in Berührung kam mit Computern, war diese Welt schon von „den Jungs“ eingenommen. Es waren die Jungs die sich dafür interessierten, sie waren es die sowas „halt können“. Ich war niemals, never, ever auf die Idee gekommen, Programmieren könnte mir vielleicht Spass machen. Ich kannte es schlichtweg gar nicht. Ohne darüber je nachgedacht zu haben stand aber in meinem wie in vielen Köpfen fest, daß diese Computer Welt halt was für Jungs ist.

Mit dem Thema des frappierenden Gender Gaps in der Software und Tech Welt habe ich mich inzwischen auch Dank der Rails Girls viel beschäftigt. Bei der Webinale 2013 in Berlin durfte ich dazu einen ziemlich langen Vortrag halten – eine Dreiviertelstunde – für Ausdauernde hier noch zu sehen.

Ab Mitte 2014 schrieb ich eine Zeit lang recht regelmäßig Blogbeiträge, die eine Art Tagebuch meiner Schrittchen auf dem Weg zum Java-Script Ninja geworden sind. Das ganze auf Englisch, weil die Beiträge auch im vaamo Tech Blog veröffentlicht werden. In letzter Zeit war keine Zeit. Damn.

End of story.